Realprogymnasium (1914-1923)

Dieser Text ist Teil eines Beitrags zur Festschrift zum 75-jährigen Schuljubiläum 1989 von Heinrich-Ferdinand Reinhardt


Diese Feier erhielt einen besonderen Charakter, da an ihr auch Th. Tantzen teilnahm, der damalige oldenburgische Ministerpräsident und Minister der Kirchen und Schulen. Man war darüber sehr stolz an der Schule, aber vielleicht auch ein wenig überrascht. Der Besuch Tantzens vom 17. März 1923 ließ sich als An- zeichen für eine gewisse Abkehr von dem bisherigen Desinteresse an der Entwicklung des Realgymnasiums Cloppenburg deuten. Denn schon seit einiger Zeit war bekannt, daß F. Teping, der bisherige Leiter der Schule, vom Beginn des nächsten Schuljahres an einen wichtigen Posten im Ministerium der Kirchen und Schulen übernehmen sollte. Außerdem hatte das Ministerium im Vorfeld des Besuchs Tantzens seine Zustimmung dazu gegeben, daß die Oberstufe des Realgymnasiums vom folgenden Schuljahr an unter bestimmten Voraussetzungen auch von Mädchen besucht werden durfte. Seit dem Jahre 1878 existierte in Cloppenburg eine private höhere Mädchenschule, die sog. "Töchternschule", die von Schwestern ULF unterhalten und betreut wurde. Da diese Schule aber nur den Abschluß der mittleren Reife vermittelte und da es ansonsten keine Möglichkeit zum Erwerb der Hochschulreife für Mädchen in der Stadt gab, gestattete das Ministerium den Inhaberinnen von Abschlußzeugnissen der Privatschule zur Vorbereitung auf das Abitur vom Schuljahr 1923/24 an den Besuch des staatlichen Realgymnasiums. Nicht zuletzt durch diese Entscheidung schien das Staatsministerium eine ungewöhnliche Bereitschaft zu einem weitreichenden Entgegenkommen gegenüber spezifischen Interessen der größtenteils zentrumsorientierten Bevölkerung in Südoldenburg zu demonstrieren, gerade auch auf dem Gebiet der Schulpolitik.

Die Bekundung der Bereitschaft zu schulpolitischem Entgegenkommen ließ sich aber auch als ein taktisches Mannöver interpretieren, zumal zu Beginn des Schuljahres 1923/24 an dem Realgymnasium auch zwei bemerkenswerte Veränderungen in Kraft traten, die sich als Anzeichen dafür deuten ließen, daß der Ministerpräsident zumindest mitteltristig das Vorhaben einer liberalen Reform des Gymnasiums keineswegs aufzugeben gedachte: der Beginn des Abbaus der sog. gymnasialen Nebenklassen und eine Veränderung in der Fremdsprachenfolge, in deren Rahmen an die Stelle der bisherigen 2. Fremdsprache Französisch in Zukunft das Englische treten sollte.

Am 28. März 1923, also nur wenige Tage nach seinem Besuch in Cloppenburg, trat Tantzen jedoch mit seinem Kabinett vom Amte des Ministerpräsidenten und Ministers der Kirchen und Schulen zurück, da in der entscheidenden Abstimmung des Landtages über den Aufschub des Wahltermins die dafür erforderliche Zweidrittelmehrheit nicht zustande gekommen war. Auf der Grundlage des Ergebnisses der Landtagswahl vom 6. Februar 1923, das der von Tantzen geführten DDP überraschend sogar Stimmengewinne einbrachte, bemühte sich dieser zwar um eine Erneuerung der vor dem Wahltag bestehenden Regierungskoalition, blieb aber ohne Erfolg, so daß sich die an seine Person knüpfenden Erwartungen einer liberalen Schulreform auf diese Weise erledigte, zumal der Freistaat Oldenburg von dieser Zeit an nahezu 10 Jahre lang von sog. Beamtenkabinetten regiert wurde, deren Reformeifer sich mit Rücksicht auf eine äußerst labile parlamentarische Machtgrundlage zumeist in Grenzen hielt. Solange diese Beamtenministerien amtierten, änderte das Realgymnasium in Cloppenburg seine organisatorische und currikulare Struktur kaum noch. Lediglich zu Beginn des Schuljahres 1924/25 kam es an der Schule noch einmal zu bemerkenswerten Neuerungen, deren Durchsetzung aber anscheinend keine Probleme verursachte: die Einführung der sog. "freien Oberstufengestaltung" und die Einrichtung sog. Anschlußklassen für besonders begabte Absolventen der Volksschulen, die sich erst spät für den Besuch einer höheren Schule entschieden. Die überkommene Schulform änderte sich infolge dieser Neuerungen im Prinzip aber nicht. Denn die freie Oberstufengestaltung räumte den einzelnen Schulen, in dieser Beziehung dem Kurssystem der heutigen Sekundarstufe II nicht unähnlich, ein hohes Maß an individueller Gestaltungsfreiheit ein, die in Cloppenburg konsequent zur Stärkung des Profils der Schule als eines Realgymnasiums alten Stils genutzt wurde, nicht zuletzt deswegen, weil im Zuge eines neuerlichen Schulleiterwechsels Dr. Uhlmann kehrte nach nur einjähriger Dienstzeit in Cloppenburg in gleicher Funktion an das Antonianum zurück, wo er auch vorher unterrichtet hatte — Dr. Thomé auf diesen Posten berufen wurde. Die sog. Anschlußklassen stellten ledig- lich ein zusätzliches Unterrichtsangebot dar, das den Charakter der Schule nicht veränderte, ihr aber neue Schülerschichten erschloß und dadurch zu dem An- wachsen der Schülerzahlen beitrug, das die Schule seit der Mitte der zwanziger Jahre zu verzeichnen hatte. Besuchten die Schule 1923 gerade 221 Schüler, so stieg ihre Zahl bis zum Jahr 1929, dem Jahr der Weltwirtschaftskrise, auf 452 an, zu denen aus dem erwahnten Grund noch 19 weibliche Besucherinnen hin- Es wäre unzutreffend, diesen sprunghaften Anstieg der Schülerzahlen nur auf die Einrichtung der gymnasialen Anschlußklassen für Volksschulabsolventen sowie auf die Aufnahme von Absolventinnen der höheren Mädchenschule zurückzu- führen. Einen starken Zulauf an Schülern verschafften dem Realgymnasium auch die ihm zugeordneten höheren Bürgerschulen in Löningen, in Essen, seit dem Jahre 1928 auch in Friesoythe. Im Jahre 1921 war außerdem auch noch in Lastrup eine höhere Bürgerschule eröffnet worden, deren Schüler anschließend zumeist das Realgymnasium in Cloppenburg besuchten. Die im Jahre 1923 von G. Strese- mann eingeleitete Politik bewirkte einen zwar langsamen, aber dennoch stetigen Prozeß der politischen und wirtschaftlichen Konsolidierung, die vielerorts in der Bevölkerung auch ein Anwachsen des Interesses an einer höheren Schulbildung nach sich zog. Andererseits leisteten Lehrer und Schüler des Gymnasiums selbst auch Beiträge, um das Ansehen der Schule in der Offentlichkeit zu stärken und zusätzliches Interesse an einer Ausbildung dort zu wecken. Bereits im Jahre 1917 war an der Schule eine Blaskapelle gegründet worden, die erstmalig anläßlich der Einweihung des Schulgebäudes öffentlich aufgetreten war, nach dem Kriege aber auch bei außerschulischen Veranstaltungen regelmäßig öffentliche Auftritte bestritt. Zu Anfang des Schuljahres 1918/19 war auch ein Gymnasialturnverein ins Leben gerufen worden, der sich in der Schülerschaft besonderer Beliebtheit erfreute und sich durch Erfolge bei Wettkämpfen außerhalb der Schule großes Ansehen erwarb. Seit dem Jahre 1922 machte ein dritter Gymnasialverein viel von sich reden, ein sog. Verein für Literatur und Kunst, der hauptsächlich Dichterlesungen und Theaterbesuche organisierte, aber auch mit Erfolg Rezitationen und Theateraufführungen inszenierte. Dr. W. Uhlmann, ein begeisterter Musikliebhaber, gab während seiner kurzen Amtszeit als Schulleiter insbesondere den Aktivitäten des Schulchores wichtige Impulse und sorgte u.a. dafür, daß sich neben der Blaskapelle ein Streichorchester entwickelte. Öffentliche Auftrittsmöglichkeiten für die Schülervereine ergaben sich vor allem im Rahmen der sog. Elternabende, die seit dem Jahre 1920 regelmäßig zweimal im Jahr durchgeführt wurden, aber auch anläßlich der verschiedensten Schulfeiern und im Zusammenhang mit den sog. Aulaabenden, die seit dem Jahre 1920 eine wichtige Rolle im kulturellen Leben nicht nur der Stadt, sondern der ganzen Umgebung spielten. Eine besondere kulturelle Ausstrahlungskraft erhielt die Schule dadurch, daß sie seit dem 5. März 1923 in ihrem Gebäude ein sog. "Heimatmuseum für das Oldenburger Münsterland" beherbergte, das später die "Keimzelle und den Ausgangspunkt" des Cloppenburger Freilichtmuseums bilden sollte, des sog. Museumsdorfes. Die Exponate dieses Heimatmuseums waren zunächt vor allem im Foyer des Obergeschosses des Schulgebäudes untergebracht, dienten spater in zunehmendem Maße aber auch als Schmuck für das Treppenhaus und die Flure des Schulgebäudes.

Die Rahmenbedingungen für die Bewältigung des durch den rapiden Anstieg der Schülerzahlen entstandenen Problems der Raumknappheit mochten zunächst als recht ungünstig erscheinen, da infolge des Rücktritts von Ministerpräsident Tantzen im März 1923 auch Finanzminister Dr. Driver aus dem Staatsministeri- um ausgeschieden war, der seit langem als ein besonderer Förderer der Schule angesehen werden konnte. Wegen der Wahl eines Mitglieds des Lehrerkollegiums in den Landtag - der geistliche Studienrat H. Wempe gehörte seit dem 6. Juni 1923 der Zentrumsfraktion des Oldenburgischen Landtages an - verfügte die Schule dort zwar über einen engagierten Fürsprecher, aber das brachte der Schule wenig ein, solange sich das Zentrum weiterhin gemeinsam mit der DDP und der SPD um eine Regierungsbildung auf parlamentarischer Basis bemühte und zu dem Beamtenministerium von Finkh, das sich im April des Jahres 1923 etabliert hatte, in Opposition stand. Nach der Wahl P. von Hindenburgs zum Reichspräsi- denten gab die Zentrumsfraktion diese Haltung jedoch auf, indem sie Dr. Driver ermächtigte, im sog. 2. Ministerium von Finkh wieder ein Ministeramt zu über- nehmen, und dieser Regierung am 23. Juni 1926 gemeinsam mit den Rechts- parteien im Landtag das Vertrauen aussprach. In dem 2. Ministerium von Finkh durfte das Realgymnasium Cloppenburg auch den neuen »Minister der Finanzen und der sozialen Fürsorge« als Förderer der eigenen Interessen ansehen, Dr. B. Willers, der vorher das Amt eines Cloppenburger Amtshauptmannes bekleidet hatte und in dieser Funktion dem Vorstand des Heimatmuseums seit seiner Grün- dung angehört hatte. Schon bald widmete Ministerpräsident von Finkh, der wie sein Amtsvorgänger Tantzen gleichzeitig auch das Ministerium der Kirchen und Schulen verwaltete, dem Realgymnasium in Cloppenburg Aufmerksamkeiten besonderer Art. Am 4. Dezember 1926 stattete er der Schule erstmals einen offiziellen Besuch ab, und zwar gemeinsam mit dem Vorsitzenden des kath. Oberschulkollegiums zum Zwecke einer sog. Visitation. Am 2. Dezember 1927 besuchte er die Schule zum zweiten Mal, dieses Mal aber in Begleitung von Dr. Willers, und zwar ausdrücklich zum Zwecke einer Besichtigung des Schul- gebäudes. Und nur einen Tag später, am 3. Dezember 1927, entschied das Staats- ministerium, daß das Schulgebäude durch einen Anbau, den heutigen Westflügel, um sechs Klassenräume zu erweitern sei. Dieser Anbau wurde trotz der Weltwirt- schaftskrise im Laufe des Jahres 1929 fertiggestellt und im Jahre 1930 bezogen. So bestand in dem Gebäude weiterhin Platz für die Schule und für das Heimat- museum, das am 6. März 1932 in der festlich geschmückten Aula des Realgymna- sıums noch das Jubiläum seines 10jährigen Bestehens feiern konnte. In demselben Jahr und im gleichen Monat, am 18. März, veranstaltete die Schule auch noch eine Gedenkfeier zum 100. Todestag des großen Dichters und Humanisten Goethe. Am Tage darauf endete das Schuljahr, wie üblich mit der Zeugnisausgabe der Entlassung der Schüler in die Ferien. Vielleicht endete an diesem Tag aber menr als nur ein Schuljahr.

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