Dieser Text ist Teil eines Beitrags zur Festschrift zum 75-jährigen Schuljubiläum 1989 von Heinrich-Ferdinand Reinhardt
Mit seiner 75-jahrigen Geschichte ist das Clemens-August-Gymnasium unter den heute in der Stadt und im ganzen Landkreis Cloppenburg existierenden öffentlichen hoheren Schulen die alteste, im Vergleich zu anderen Gymnasien innerhalb des früheren Verwaltungsbezirks Oldenburg, etwa zum Alten Gymnasium in Oldenburg, zur Marienschule in Jever und zum Antonianum in Vechta, aber eine noch recht junge Schule. Doch auch in Cloppenburg begann die Geschichte des höheren Schulwesens schon viel früher.
Bereits für das Jahr 1633 ist in Cloppenburg die Existenz einer sog. Lateinschule nachweisbar, Einzelheiten über ihre Entwicklung sind jedoch nicht bekannt. Mittelalterliche und frühneuzeitliche Lateinschulen lassen sich hinsichtlich ihres organisatorischen Aufbaus und ihrer Lehrpläne mit höheren Schulen der Gegenwart kaum vergleichen, erfüllten aber dennoch einen durchaus vergleichbaren Zweck: sie bereiteten ihre Schüler auf den Besuch von Hochschulen und Universitäten vor. Da bis ins 18. Jahrhundert hinein im Bereich von Forschung und Lehre in Europa allgemein die Verwendung der lateinischen Sprache üblich war, bestand die Vorbereitung auf ein Universitätsstudium damals im wesentlichen aus dem Erwerb derartiger Sprachkenntnisse, deren Vermittlung im Mittelpunkt des Unterrichts der Lateinschulen stand. Im Mittelalter gab es nur in größeren Städten und in Bischofsstädten Lateinschulen, weil damals nur bei Angehörigen des hohen Klerus eine "akademische Ausbildung" üblich war, während künftige Arzte, Apotheker und Anwälte sowie auch Pfarrer, d.h. Angehörige des niederen Klerus, zunächst nur selten Universitäten und Lateinschulen besuchten. Erst im Gefolge des wirtschaftlichen und kulturellen Aufblühens der Städte kann man seit dem Spatmittelalter, besonders im Zeitalter des Humanismus, ein deutliches Anwachsen des Interesses an einer höheren Schulbildung beobachten, das sich u.a. in der Gründung zahlreicher neuer "städtischer" Lateinschulen niederschlug.
Diese Entwicklung begann im Prinzip bereits vor der Reformation, erhielt durch sie aber wichtige zusätzliche Impulse. So existierte bereits im Jahre 1535 in Friesoythe eine Lateinschule, im Jahre 1582 auch in Löningen, und im Jahre 1633 ist, wie bereits erwähnt, erstmalig auch in Cloppenburg eine Lateinschule nachweisbar. Aufgrund des Gesagten ist aber davon auszugehen, daß diese wie die Schwesterschulen in Friesoythe und Löningen ebenfalls schon im 16. Jahrhundert gegründet worden ist.
Es darf vermutet werden, daß die Cloppenburger Lateinschule schon bald nach dem Beginn der Gegenreformation in der Region ihre Pforten wieder schließen mußte. Ihre Verfechter, zu denen man im 17. Jahrhundert auch die Fürstbischöfe von Münster rechnen mußte, wiesen einer soliden Ausbildung des Klerus grundsatzlich kaum gerıngere Bedeutung zu als ihre protestantischen Gegenspieler, sie bedienten sich bei der Rekatholisierung ihrer Untertanen aber vorzugsweise des missionarischen Eifers von Ordensgeistlichen, vor allem der Jesuiten, manchmal auch der Franziskaner.
Im Niederstift Münster vertraute die fürstbischöfliche Regierung die Rekatholisierung in Meppen den Jesuiten und in Vechta den Franziskanern an und ließ den von diesen Ordensniederlassungen unterhaltenen Schulen eine besondere Förderung angedeihen - mit dem Erfolg, daß die in der Reformationszeit gegründeten Lateinschulen an Bedeutung verloren und im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts wahrscheinlich auch schon nicht mehr existierten. Jedenfalls gab es im 18. Jahrhundert nur noch zwei Möglichkeiten, sich innerhalb der Grenzen des Niederstifts Münster auf ein Hochschulstudium vorzubereiten, den Besuch des Jesuitengymnasiums in Meppen bzw. der Franziskanerschule, d.h. des heutigen Antonianums, in Vechta. Und selbst von diesen beiden Möglichkeiten blieb für Bewohner der heutigen Landkreise Vechta und Cloppenburg nach der Säkularisierung des Fürstbistums Münster nur noch eine übrig, da von dem ehemals fürstbischöflichen Territorium bei dieser Gelegenheit nur das sog. Münsterland unter oldenburgische Souveränität gelangte, während das Emsland mit Meppen an Hannover bzw. an Preußen fiel, so daß zum Besuch des dortigen Gymnasiums im Prinzip ein "Auslandsaufenthalt" erforderlich wurde.
Die Behörden des von einer protestantischen Dynastie beherrschten Großherzogtums Oldenburg zeigten jahrzehntelang an dem Bestand des einzigen Gymnasiums im katholischen Süden des Landes wenig Interesse und lehnten Gesuche be- züglich einer stärkeren staatlichen Unterstützung zumeist ausdrücklich ab. Erst im Gefolge der Errichtung des bischöflich-münsterschen Offizialats in Vechta, einer eigenen kirchlichen Oberbehörde für die Katholiken des Großherzogtums, deren oberster Repräsentant, der Offizial, zeitweilig auch das Amt des Leiters des
Seit der Bestandssicherung des Antonianums durch seine Verstaatlichung und Umgestaltung in ein "Humanistisches Gymnasium" nach preußischem Vorbild erfreute sich dieses auch eines wachsenden Zustroms von Schülern aus dem Gebiet des heutigen Landkreises Cloppenburg. Selbstverständlich war für diese auch ein Besuch des Antonianums in Vechta zumeist mit einer langjährigen Internatsunterbringung verbunden. Aber schon sehr früh erkannte man in einzelnen Familien die Möglichkeit, durch die Organisation von Privatunterricht für die Angehörigen der eigenen Familie die Zeit der Internatsaufenthalte zumindest zu verkürzen und für den Fall, daß sich hierbei vielleicht mehrere Familien zusammenschlossen, auch die finanziellen Aufwendungen dafür zu senken.
Im Jahre 1850 entwickelte sich aus dem Privatunterricht, den der Löninger Apotheker König für seine Söhne organisierte, eine sog. Höhere Bürgerschule als private Vorbereitungsschule für die Obertertia (Kl. 9) des Antonianums in Vechta. Im Jahre 1858 wurde nach dem Löninger Beispiel auch in Cloppenburg eine Höhere Bürgerschule eröffnet, dort aber schon nicht mehr aufgrund einer Privatinitiative, sondern auf Veranlassung und unter maßgeblicher Beteiligung des kath. Klerus. Als Gründer dieser Schule, die zunächst in dem alten Gesellenhaus untergebracht war, vom Herbst des Jahres 1879 an jedoch die Räumlichkeiten der südlich der Eschstraße gelegenen Ackerbauschule mitbenutzte, gilt Dr. Niemann, der damals das Amt eines Vikars an der St. Andreaskirche versah.
Mit der Gründung dieser Schule unterstrich der katholische Klerus die Forderung nach der Errichtung eines 2. Gymnasiums in Südoldenburg. Vom Jahre 1879 an schien die großherzogliche Regierung die politische Berechtigung dieser Forderung anzuerkennen, indem sie von diesem Zeitpunkt an der Höheren Bürgerschule in Cloppenburg einen jährlichen staatlichen Zuschuß gewährte. Zu weiteren Zugeständnissen vermochte sie sich vorerst aber nicht durchzuringen, teils aus fiskalischen Gründen, zum Teil auch aus politischen Gründen. Aus Gründen der konfessionellen, regionalen und parteipolitischen Symmetrie hielt es die Regierung für inopportun, der Einrichtung eines 2. Gymnasiums im zentrumorientierten katholischen Süden des Landes zuzustimmen, ohne gleichzeitig auch ähnliche Projekte in der protestantischen und liberalen Landeshauptstadt sowie im Norden des Landes ins Auge zu fassen, der vor allem zur Sozialdemokratie hin tendierte.
Am 2. Mai 1907 bekundete der für das Schulwesen zuständige großherzogliche Justizminister Ruhstrat erstmals die konkrete Absicht der Regierung, sowohl in Rüstringen als auch in Oldenburg und in Cloppenburg neue staatliche höhere Schulen zu gründen. Die Lobbyisten der drei Projekte fürchteten jedoch, daß dem strukturschwachen Land die Mittel zur gleichzeitigen Realisierung fehlen würden, und führten daher untereinander einen langwierigen und erbitterten Streit über die bevorzugte Behandlung des jeweils von ihnen favorisierten Projekts, so daß noch fast 7 Jahre vergingen, bevor die Regierung endlich daran gehen konnte, ihre bereits im Jahre 1907 bekundete Absicht in die Wirklichkeit umzusetzen. Am 16. Dezember 1913 gab die Mehrheit des Oldenburgischen Landtages endlich ihre grundsätzliche Zustimmung, daß sowohl in Rüstringen als auch in der Landeshauptstadt und in Cloppenburg neue Gymnasien errichtet werden sollten. Aber noch am 19. Dezember 1913 versuchte die sozialdemokratische Landtagsfraktion das Cloppenburger projekt noch einmal zu stoppen, indem sie im Landtag den Antrag stellte, die erforderlichen Mittel zunächst nur für die Neugründungen in Oldenburg und Rüstringen zu bewilligen, um diese Schulen dementsprechend personell und materiell besser ausstatten zu können.
Die Regierung gab jedoch zu verstehen, daß sie nicht geneigt sei, sich das "Schulbukett" durch den Landtag zerpflücken zu lassen, und erreichte schließlich durch die Drohung, im Falle der Annahme des sozialdemokratischen Antrages das ganze Schulneubauprogramm zurückzustellen, daß der Antrag abgelehnt wurde und auch die Cloppenburger Interessen in angemessener Form Berücksichtigung fanden. Bereits am 15. Januar 1914 veröffentlichte die in Cloppenburg erscheinende Münsterlandische Tageszeitung einen Lehrplan des neuen "Großherzoglichen Realprogymnasiums" in Cloppenburg. Bald darauf wurden im Amtszimmer des Direktors der "Vereinigten Ackerbau- und Höheren Bürgerschule" auch die ersten Anmeldungen von Schülern für die neue Schule entgegengenommen. Am 21. April 1914, dem ersten Schultag nach den Osterferien, unterzogen sich die in die Sexta, d.h. in die Eingangsklasse der neuen Schule eintretenden Schüler einer Aufnahmeprüfung; am Tage darauf, dem bereits erwähnten Tag der feierlichen Eröffnung der neuen Schule, wurden der Offentlichkeit erstmalig auch der Direktor und das Lehrerkollegium der Schule vorgestellt. Einen weiteren Tag später, am 29. April 1914, wurde der Unterrichtsbetrieb aufgenommen, einstweilen noch in dem Gebäude der gleichzeitig aufgelösten höheren Bürgerschule; aber ein eigenes Schulgebäude für die Neugründung befand sich bereits im Planungsstadium.