Nachkriegszeit (1953-1966)

Nachkriegszeit (1953-1966)

Dieser Text ist Teil eines Beitrags zur Festschrift zum 75-jährigen Schuljubiläum 1989 von Heinrich-Ferdinand Reinhardt


Die Verabschiedung von H. Hartweg als Leiter des Clemens-August-Gymnasiums fand am 30. September 1953 statt. An demselben Tage übernahm erneut H. Bitter die Amtsgeschäfte des Direktors, zunächst weiterhin nur kommissarisch, aber bereits am 5. November desselben Jahres wurde im niedersächsischen Kabinett entschieden, daß H. Bitter jetzt auch formell als Schulleiter einzusetzen sei, und am 3. Dezember 1953 kam Staatsminister a.D. F. Kaestner, der Leiter der Abteilung Kirchen und Schulen, begleitet von der zustandigen Dezernentin Frau Dr. Buschmann, persönlich nach Cloppenburg, um ihm in einer eigens zu diesem Zweck anberaumten "Allgemeinen Lehrerkonferenz" die Ernennungsurkunde zum Oberstudiendirektor auszuhändigen. Dieser Schulleiterwechsel besaß eher den Charakter eines fliegenden Wechsels als den einer einschneidenden Veränderung für die weitere Entwicklung der Schule, vielleicht nicht zuletzt deswegen, weil auch H. Hartweg sich in seiner 3 1/2jährigen Amtszeit sehr darum bemüht hatte, weniger als Neuerer, sondern als Bewahrer und Fortsetzer einer bereits bestehenden Tradition in die Geschichte der Schule einzugehen. Bezeichnend dafür ist, daß in seine Amtszeit die feierliche Einweihung des von Paul Dierkes gestalteten Marmordenkmals des Namengebers der Schule fällt, ebenso wie die Anbringung des aus vergoldeten Lettern bestehenden neuen Namenszuges der Schule an dem Fries des Säulenportikus. Nicht weniger bezeichnend für die Hartwegsche Form der Traditionspflege war aber auch, daß er die Einweihungsfeier für das Denkmal nicht an einem Jahrestag der Umbenennung der Schule stattfinden ließ, sondern an einem Namensgedenktag des Namensgebers, am 28. August 1953, womit er die Tradition der seitdem alljährlich gefeierten Augustinusfeste an der Schule begründete. Die besondere Verehrung H. Hartwegs für die Gestalt des hl. Augustinus äußerte sich auch darin, daß die Schule auf seine Veranlassung hin den Heiligen zu ihrem Schutzpatron "erwählte" und die Lektüre seiner Schriften eine besondere Rolle zu spielen begann, insbesondere in altsprachlichen Arbeitsgemeinschaften, die er organisierte und auch selbst leitete. Anscheinend verkörperte gerade Augustinus aus der Sicht H. Hartwegs in idealtypischer Weise den Erziehungsgedanken des christlichen Humanismus, der Verbindung von antiker Ästhetik mit christlicher Ethik, die er auch in einem anläßlich des Augustinustages 1953 veröffentlichten Aufsatz als sein pädagogisches Credo darstellte. Allerdings wurde diese persönliche Prägung des Profils der Schule von den Zeitgenossen keineswegs als Neuerung, sondern lediglich als neuartige Akzentuierung und Fortschreibung des bereits vorher geschaffenen Erscheinungsbildes empfunden, so daß es auch H. Bitter nicht schwerfiel, unmittelbar daran anzuknüpfen und z.B. die Tradition der Augustinustage fortzu- Allerdings veränderte sich der Charakter der Augustinustage im Laufe der Zeit. Zu deren Ablauf gehörten neben Gottesdiensten und Treffen der ehemaligen Schüler auch Veranstaltungen kulturellen und sportlichen Charakters.

Während unter dem Direktorat von H. Hartweg die Jugendbühne vor allem Stücke von Autoren der griechischen Antike spielte, traten unter dem Direktorat des sehr musikbegeisterten H. Bitter an die Stelle von Theateraufführungen in zunehmendem Maße Veranstaltungen musikalischen Charakters, unter dem späteren Direktorat von Dr. B. Gertzen auch Sportveranstaltungen. Die Jugendbühne bestritt weiterhin viel beachtete Aufführungen, aber sie änderte ihr Repertoire und entwuchs der Schule, indem sie sich von einer schuleigenen über eine schulübergreifende zu einer allgemein städtischen Einrichtung weiterentwickelte. Mit dem kulturellen Erscheinungsbild anderte sich aber auch der Charakter der Schule und der gesellschaftliche Erziehungsauftrag, in dessen Dienst ihre maßgeblichen Repräsentanten sie gestellt sehen wollten. So besaß das Jahr 1953 für die Schulgeschichte epochale Bedeutung; nicht nur wegen des neuerlichen Schulleiterwechsels damals, sondern auch, weil es kurz zuvor gelungen war, die vollständige Freigabe des Schulgeländes für Unterrichtszwecke zu erreichen, und weil in diesem Jahr wegen der neuerlichen Heraufsetzung der Schulzeit auf 9 Jahre erstmals seit Kriegsende keine regulären Abiturprüfungen stattfanden, aber auch aus Gründen, die mehr mit dem allgemeinen Verlauf der politischen Entwicklung zusammenhingen und im Laufe der Zeit in immer stärkerem Maße die Entwicklung der Schule beeinflußten.

Die Einwohnerzahl der Stadt Cloppenburg war infolge eines starken Zustroms von Neubürgern aus den früheren Ostprovinzen des Deutschen Reiches von 9000 Einwohnern im Jahre 1939 auf über 14.000 im Jahre 1950 angestiegen. Dieses Anwachsen der Bevölkerung führte in den folgenden Jahren zu einer entsprechenden Zunahme der Schülerzahlen am Clemens-August-Gymnasium, so daß in dem gerade erst wieder vollständig für Unterrichtszwecke zur Verfügung stehenden Schulgebäude bald eine drangvolle Enge entstand, die auch durch die im Jahre 1956 erfolgte Umwandlung der seit 1918 bestehenden Höheren Bürgerschule in Friesoythe in ein Gymnasium, in das heutige Albertus-Magnus-Gymnasium, nur vorübergehend behoben werden konnte und zu Beginn der 60er Jahre zur Errichtung eines Anbaus im Osten sowie noch später zur Errichtung des Pavillions im Bereich des Geländes der Freilichtbühne führte.

Mit dem Anwachsen der Anzahl der Schüler veränderte sich aber auch die soziologische Struktur der Schülerschaft und gleichzeitig damit auch die sozialpolitische Funktion der Schule aus Sicht großer Kreise der Bevölkerung. Denn obwohl die Gesamtzahl der Schüler seit dem Jahre 1953 stark wuchs, nahm die Zahl der Besucher des vor kurzem noch so engagiert erstrittenen und verteidigten altsprachlichen Zuges der Schule kontinuiertlich ab. Nicht mehr so sehr das Interesse an einer bestimmten Form von Bildung, sondern an einer möglichst effizienten und sozialen Aufstieg verheißenden Ausbildungsqualifikation entschied immer starker über die Wahl eines bestimmten gymnasialen Ausbildungsganges, und in dieser Beziehung schien der Besuch eines altsprachlichen Gymnasiums einer wachsenden Zahl von Eltern und Schülern im Vergleich zu dem Besuch eines mathematisch-naturwissenschaftlichen Gymnasiums oder eines neusprachlichen Zuges, der in den 60er Jahren am Clemens-August-Gymnasium zusätzlich eingerichtet wurde, keine nennenswerten Vorteile mehr zu bieten.

Im Sommer 1957 waren in Cloppenburg die Gespräche über den möglichen Standort einer dritten katholischen Pfarrkirche in der Stadt in das Entscheidungsstadium eingetreten. Zu dieser Frage ist eine auf den 19. August 1957 datierte Denkschrift H. Bitters überliefert, in der dieser sich für einen Standort möglichst in unmittelbarer Nachbarschaft des Clemens-August-Gymnasiums aussprach und dafür u.a. folgende Begründung gab: "Zwar gibt es nach einer neueren Entscheidung des Herrn Niedersächsischen Kultusministers grundsätzlich keine konfessionellen Höheren Schulen, dennoch ist aber de facto das Clemens-August-Gymnasium im wesentlichen eine katholische Schule nach der konfessionellen Zusammensetzung der Schüler wie auch des Kollegiums. " Einen wichtigen historischen Hintergrund für diese Stellungnahme bildete die Tatsache, daß bereits im Jahre 1927 von dem Heimatschriftsteller G. Reinke die Errichtung einer "Gymnasialkirche" für das damalige Realgymnasium in Cloppenburg öffentlich für wünschenswert erklärt worden war, da die St. Josefskirche, die seit Gründung der Schule in der Regel für die Schulgottesdienste genutzt wurde, relativ weit von der Schule entfernt lag.

Die neue Kirche wurde tatsächlich an der von H. Bitter vorgeschlagenen Stelle errichtet, erhielt Reliquien des bisherigen Schutzpatrons der Schule, erhielt nach dem Heiligen den Namen St. Augustinuskirche und anläßlich der Erhebung des ursprünglichen Pfarrektorats zu einer regulären Pfarrei auf dem Vorplatz im Jahre 1964 ein überlebensgroßes Standbild des Heiligen, das Paul Dierkes gestaltete, der bereits das im Jahre 1951 vor dem Gebäude des Clemens-August-Gymnasiums aufgestellte Marmordenkmal für den Namengeber der Schule entworfen und ausgeführt hatte. Diese unübersehbare symbolische Verbindung zwischen dem Clemens-August-Gymnasium und seiner "Gymnasialkirche" brachte Prälat F. Morthorst zwei Jahre später in einer aus Anlaß des 20. Todestages des Kardinals von Galen gehaltenen Rede in der Aula des Gymnasiums am 22. März 1966 auf folgende Formel: "Die Schule hat die beiden Namen Augustinus und Clemens-August auf ihr Banner geschrieben. Augustinus liebte die Glaubenszeugen. Clemens-August war ein Glaubensstreiter. Die beiden großen Bischöfe waren harmonisch, sie standen sich nahe. Wir wollen hoffen, daß die Namen der beiden immer auf dem Banner der Schule glänzen."

Im Jahre 1965 kam es zum Abschluß eines Konkordats zwischen dem Land Niedersachsen und dem HI. Stuhl, durch das der seit nahezu zwei Jahrzehnten mit heftiger Erbitterung ausgefochtene Streit um die Zukunft der konfessionellen Schulen beigelegt wurde. Im Gefolge des Konkordatsabschlusses wandelte sich das Verhältnis der großen Parteien zueinander. Da die vorher im Lande Niedersachsen mit der SPD koalierende FDP die Unterzeichnung des mit dem Hl. Stuhl ausgehandelten Konkordates ablehnte, schieden die Liberalen aus der Regierung aus, und es wurde eine große Koalition gebildet, innerhalb derer erstmalig seit dem Bestehen des Landes Niedersachsen ein CDU-Politiker das Amt des Niedersächsischen Kultusministers bekleidete. Das aber wiederum hatte zur Folge, daß sich auch die CDU im Lande Niedersachsen jetzt nicht mehr grundsätzlich gegen Reformen im Bildungswesen sperrte, sondern einen nicht unwesentlichen Beitrag zur Entstehung einer großen Reformbegeisterung in der Öffentlichkeit beisteuerte und zu einer Kette von Veränderungen im Bildungswesen, unter deren Einwirkung auch das Clemens-August-Gymnasium seine currikulare und organisatorische Struktur von Grund auf verändern sollte.

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