Dieser Text ist Teil eines Beitrags zur Festschrift zum 75-jährigen Schuljubiläum 1989 von Heinrich-Ferdinand Reinhardt
Der Abbau der höheren Landwirtschaftsschule und die Verkürzung der Schulzeit dienten, wie oben gezeigt wurde, u.a. dazu, möglichst günstige personelle und räumliche Voraussetzungen für die Auflösung der Liebfrauenschule zu schaffen, aber keineswegs ausschließlich diesem Zweck. Insbesondere die Verkürzung der Schulzeit lieferte eine plausible Begründung für eine umfassende Überarbeitung der Stundentafeln und Lehrpläne, die intensiv zu einer noch stärkeren Verankerung der nationalsozialistischen Ideologie genutzt wurde, u.a. zu Lasten des Religionsunterrichts und zugunsten des Sports, nicht zuletzt des Wehrsports: Gerade diese currikularen Veränderungen lassen vermuten, daß der Schulreform nicht nur ideologische und bildungspolitische Zielsetzungen, sondern auch noch Überlegungen anderer Art zugrunde lagen. Lehrern und Schülern war schon früh klar geworden, daß die nationalsozialistische Ideologie eine Ideologie des Kampfes . war und zumindest mittelbar der Kriegsvorbereitung diente. Seit Anfang des Jahres 1939 konnte auch aus der Sicht wenigstens älterer Schüler kein Zweifel mehr daran bestehen, daß Hitler nunmehr fest entschlossen war, den seit langem vorbereiteten großen Krieg zu beginnen. Am 20. Februar 1939 hatten die Klassen 6 und 7, nach heutiger Zählung die Klassen 10 und 11, geschlossen Einrichtungen des Fliegerhorstes Ahlhorn besichtigt, am 1. März 1939 hatte sich die gesamte Schülerschaft in der Aula eine Rundfunkansprache H. Görings über die "Bedeutung der Luftwaffe" anzuhören. Am 15. März hatten Lehrer und Schüler nach Angaben des damaligen Schulleiters "das Glück, die Proklamation über die Errichtung des Protektorats Böhmen und Mähren am Lautsprecher zu erleben, und am 22. März 1939 konnte den Schülern die Rückgliederung des Memellandes mitge- teilt werden".
Auch Äußerungen damaliger Schüler ist zu entnehmen, daß man die letzten politischen und militärischen Schritte vor und zu dem Kriege wenigstens in den höheren Klassen mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgte, in der Zeitung und natürlich auch am Radio. Seit Anfang Mai machte man wiederholt die Erfahrung, daß Lehrer fehlten, weil sie zu militärischen Übungen einberufen worden waren, so daß man mit einer kriegerischen Eskalation der politischen Entwicklung allgemein rechnete, besonders seit der überraschenden Reise von Reichsaußenminister Ribbentrop nach Moskau.
Von den insgesamt 31 Abiturienten und Abiturientinnen dieses Jahrgangs nahmen nur noch 16 am 9. März 1940 an einer regulären mündlichen Reifeprüfung teil, während die übrigen bereits vorher ohne eine besondere Prüfung den sog. "Reifevermerk" auf ihren Abgangszeugnissen erhalten hatten und dann sogleich in die Kasernen eingerückt waren.
Noch vor dem Abiturprüfungstermin hatten aber auch die übrigen Schüler bereits einen ersten Vorgeschmack auf die Härte des Krieges erhalten, der soeben begonnen hatte. Ein besonders strenger Winter hatte in Verbindung mit kriegsbedingten Engpässen in den Massenguttransportkapazitäten der Eisenbahn um die Jahreswende zu einem Brennstoffmangel geführt, der vom 17. Januar 1940 an einen vorübergehenden Ausfall des Unterrichts erforderlich machte.
Am 15. Februar konnte der Unterricht wieder aufgenommen werden, aber nur mit Einschränkungen, da das Schulgebäude in der Zwischenzeit zu einem Teil mit durchmarschierenden Truppen belegt worden war. Wegen des Ausbruchs einer "ansteckenden Krankheit" bei der Truppe mußte die Schule am 15. Februar erneut geschlossen werden. Dieses Mal dauerte der Unterrichtsausfall nur wenige Tage, bis zum 19. Februar; beim Wiederbeginn des Unterrichts mußten aber sogleich 10 Klassen aus dem Schulgebäude ausgelagert werden, da dessen Räumlichkeiten jetzt für die Unterbringung von ca. 300 auf dem Flugplatz in Varrelbusch beschäftigten Bauarbeitern größtenteils beschlagnahmt wurden.
So grenzte es fast an ein Wunder, daß eine Abiturprüfung in diesem Jahr überhaupt noch stattfinden konnte. Das Wunder wurde möglich, da der Direktor, um wenigstens für den Abiturjahrgang den Unterricht aufrechterhalten zu können, seine eigene Wohnung dafür zur Verfügung stellte. Zusätzliche Schwierigkeiten ergaben sich für die Schülerinnen und Schüler, die von außerhalb kamen, da bis auf 23 Grad Celsius absinkende Temperaturen, eisige Stürme und meterhohe Schneeverwehungen ihnen die Bewältigung des täglichen Schulweges verwehrten und einige zwangen, die Nächte in Hotels zu verbringen. Mit dem Nachlassen der Fröste schien auch der unmittelbare Einfluß des Krieges auf das Leben in der Schule nachzulassen. Die Bauhandwerker und Soldaten verließen das Schulgebäude wieder.
Aber Bombenalarme hatten Beeinträchtigungen des Schulalltags zur Folge, da wegen der Verspätung von Zügen und Bussen Fahrschüler oft verspätet zum Unterricht erschienen, Lehrer und Schüler wegen der gestörten Nachtruhe wiederholt sehr unkonzentriert arbeiteten, sogar der Sommerferientermin angeblich deswegen kurzfristig vorgezogen worden war und seit dem 25. September 1940 der Unterrichtsbeginn nach einer Nacht mit Fliegeralarm grundsätzlich erst nach 10 Uhr erfolgen durfte. All diese kriegsbedingten Beeinträchtigungen des Unterrichts lösten insbesondere in der Schülerschaft begreiflicherweise mehr Begeisterung als Besorgnisse über den Verlauf des Krieges aus, umso mehr, als in den Zeitungen, im Rundfunk und in der "Stunde der Nation" täglich nur von Erfolgen der Wehrmacht die Rede war. Einen besonderen Eindruck hinterließ bei den Schülern anscheinend der 16. November, der letzte Schultag vor den Herbstferien, an dem die Schule eine kleine Feier veranstaltete für den ehemaligen Schüler Werner Baumbach, der für seine Erfolge als Kampfflieger kurz zuvor mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet worden war.
Der Krieg hatte bereits im Jahre 1940 einen passenden Vorwand für die Umwandlung bislang als Feiertage begangener kirchlicher Feste, wie Fronleichnam, Christi Himmelfahrt und Allerheiligen, in Arbeits- und Unterrichtstage gedient sowie zur völligen Verdrängung des Religionsunterrichts an den Schulen. Daraufhin hatten Weltklerus und Ordensgeistlichkeit vielerorts privat im jeweiligen Einzugsbereich der auf diese Weise "entchristlichten" Schulen Religionsunterricht organisiert, der zumeist vor Beginn des Unterrichts der staatlichen Schulen stattand und daher immer häufiger ausfallen mußte, besonders seit Anfang des Jahres 1941 der Bombenkrieg erheblich an Schärfe zunahm. In Cloppenburg hatte der Bombenkrieg auch bis zur Mitte des Jahres 1941 noch kaum Zerstörungen angerichtet, die eine Beschlagnahmung der kirchlichen Gebäude hätten rechtfertigen können. Gefahr ergab sich indessen aus der Tatsache, daß der Leiter der "Staatlichen Oberschule" bereits am 4. Dezember 1940 den Minister der Kirchen und Schulen schriftlich davon in kenntnis gesetzt hatte, das nach der Auflösung der privaten höheren Mädchenschule die Schülerzahl der Staatlichen Oberschule auf über 1.000 angestiegen war und einzelne Klassen überfüllt waren. Zusätzliche Nahrung erhielten diese Befürchtungen durch eine Verfügung des Ministers der Kirchen und Schulen vom 10. August 1941, nach der im Freistaat Oldenburg die Erteilung von "Privat- und Nachhilfestunden durch Geistliche und Ordensschwestern" in Zukunft zu unterbleiben hatte. Damit war u.a. den Cloppenburger Schwestern ULF nahezu jegliche Betätigungsmöglichkeit genommen, so daß deren Vertreibung jetzt nur noch eine Frage der Zeit zu sein schien. Am 22. März 1942 fand in der Aula der Oberschule erstmals auch in Cloppenburg eine sog. Jugendweihe statt, während der ein Parteiredner feststellte, "daß die 25 Programmpunkte des Führers rangmaßig vor den 10 Geboten Gottes zu gelten" hätten. Lag es nicht in der Konsequenz dieser Auffassung, daß jeder Versuch einer religiösen Beeinflussung von nun an im Keim erstickt wurde?
Ausgerechnet in diesem Augenblick, als die nationalsozialistische Schulreform unmittelbar vor ihrer Vollendung zu stehen schien, brach sie plötzlich wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Der durch die Auflösung der Liebfrauenschule erzeugte Anstieg der Schülerzahl hatte in Verbindung mit der zeitweiligen Inanspruchnahme des Schulgebäudes für militärische Zwecke nicht nur erhebliche Raumprobleme geschaffen, sondern auch personelle Engpässe verursacht, die durch die Einberufung verschiedener Lehrer noch verschärft worden waren und durch die Einstellung von Ersatzlehrkräften seitens der Behörden nur unzureichend hatten ausgeglichen werden können. Unter Hinweis auf die daraus erwachsenen Probleme setzte Dr. Stuckenberg durch — obwohl er als überzeugter Nationalsozialist galt —, daß sieben Schwestern ULF und frühere Lehrkräfte der Liebfrauenschule an der »Staatlichen Oberschule« als "Aushilfslehrerinnen" vom Schuljahr 1942/43 an — der Schuljahreswechsel war seit Kriegsbeginn auf den Herbst verlegt worden — weiter beschäftigt werden durften. Damit schien der Verbleib der Schwestern gesichert, solange der von der Propaganda versprochene "Endsieg" nicht errungen war. Da in den folgenden Monaten kaum noch ein Mitglied des Lehrerkollegiums von der Einberufung verschont blieb, soweit es nicht wegen einer bereits erlittenen Kriegsverletzung, wegen einer Krankheit oder zu hohen Alters als kriegsuntauglich eingestuft wurde, bildeten die sieben Ordensschwestern gleichsam den Kern und das Rückgrat des Lehrerkollegiums. So ergab es sich, daß de facto anders, als die NS-Schulreformer ursprünglich beabsichtigt hatten, nicht die Staatliche Oberschule die private höhere Mädchenschule absorbierte, sondern umgekehrt die Privatschule das staatliche Gymnasium, zumal sich der Unterricht in den folgenden Monaten auch räumlich immer mehr dorthin verlagerte.
Allerdings war die Schule in vielerlei Hinsicht seit dem Jahre 1943 mit dem, was man sich heute unter einem Gymnasium vorstellt, nicht mehr zu vergleichen. Aufgrund eines entsprechenden Erlasses des Reichsluftfahrtministers vom 26. Januar 1943 wurden alle männlichen Schüler vom 16. Lebensjahr an, soweit sie nicht bereits zur Wehrmacht eingezogen worden waren, aus dem regulären Unterricht herausgenommen und sog. Luftwattenhelferklassen zugewiesen, die zwar weiterhin von Lehrern betreut wurden, aber die Uniform der Flieger-HJ anlegen mußten und in den Kasernen der umliegenden Garnisonen und Fliegerhorste untergebracht waren. Seit dem 3. Juli 1943 wurden in Cloppenburg Schüler derselben Altersstufe auch schon regulär zur Flak einberufen. Bald wurden auch 15 jährige Schüler zur Wehrmacht eingezogen, und am 20. Mai 1944 wurden erstmalig sogar Schüler des Jahrgangs 1930, also 14jahrige, gemustert. Bei den Mädchen sank dementsprechend das Alter für die Einberufung zum Arbeitsdienst, so daß seit dem Jahre 1943 Abiturprüfungen grundsätzlich nicht mehr stattfinden konnten, sondern nur noch Abgangszeugnisse mit dem Reifevermerk erteilt wurden. Wegen nahezu pausenlos geflogener Luftangriffe der allierten Bomberkommandos und der damit verbundenen Daueralarme war ein halbwegs geordneter Unterrichtsbetrieb bald nicht mehr möglich. Im Zuge des wachsenden Zustroms ausgebombter und evakuierter Großstadtbewohner kam am 24. September eine ganze Mittelschule aus Bremen-Blumenthal nach Cloppenburg, mit 230 Schülerinnen und Schülern sowie 12 Lehrpersonen, für die ebenfalls in den von der Oberschule genutzten Räumen Platz geschaffen werden mußte, soweit der Luftkrieg die Durchführung von Unterrichtsveranstaltungen überhaupt noch gestattete. Im Zusammenhang mit einem Tagangriff auf Bremen und Umgebung fielen am 8. Oktober 1943 erstmals in unmittelbarer Nähe der Schule Brandbomben. Die wachsende Tieffliegergefahr machte es insbesondere Fahrschülern allmählich unmöglich, noch zur Schule zu kommen. In den Schulakten ist über die damalige Situation folgende Notiz überliefert: "Der Unterricht ... war nahezu illusorisch geworden. Jeder Klassenlehrer suchte sich Räume im Rathaus, in der Berufsschule, im Vinzenzhaus oder einem Gasthaussaal und 'verabredete' mit den Fachlehrern einen gewissen Stundenplan, der aber infolge des Daueralarmzustandes kaum noch eingehalten wurde."
In diesem Prozeß der fortschreitenden Desorganisation des schulischen Lebens spiegelte sich der allgemeine militärisch-politische Zusammenbruch, so daß man vielleicht ein wenig überrascht war, als das scheinbar schon in Agonie liegende 3. Reich nach der gescheiterten Verschwörung vom 20. Juli noch einmal zu innenpolitischen Schlägen ausholte, die man ihm fast nicht mehr zugetraut hatte. Am 26. August wurde bekannt, daß zu den zahlreichen im Anschluß an den gescheiterten Putsch verhafteten Regimegegnern auch bekannte Persönlichkeiten aus dem Freistaat Oldenburg gehörten, zum Teil Persönlichkeiten, deren Wirken auch große Bedeutung für die Entwicklung des Cloppenburger Gymnasiums gehabt hatte, so der frühere Oldenburgische Ministerpräsident und Minister der Kirchen und Schulen Th. Tantzen und H. Wempe, der frühere Zentrumspolitiker, der bis 1934 an der Schule Religionslehrer gewesen war.
Nach dem Jahreswechsel näherte sich der Krieg, der schon seit längerem am Himmel allgegenwartig gewesen war, unauthaltsam auch aut dem Landwege der Stadt Cloppenburg. Am 10. Februar begann sich die Etappe zu etablieren; im Gebäude des Gymnasiums, das ohnehin nur noch selten Unterrichtszwecken diente, wurde ein Marinelazarett untergebracht. Am 22. Februar 1945 verbreitete sich das Gerücht, daß sämtliche Schulen der Stadt und des Kreises bald schließen würden, um die Unterbringung zweier ungarischer Kampfdivisionen zu ermöglichen. Auf die angekündigten Divisionen wartete man zwar vergeblich, dafür beginnt der Volkssturm aber am 15. März an den Ausfallstraßen der Stadt Panzersperren zu errichten. Die herannahende Front treibt nicht endenwollende Ströme von Menschen durch die Stadt, Flüchtlinge und Evakuierte, Soldaten, nur selten mit Fahrzeugen, meistens nur leicht bewaffnet und zu Fuß, manchmal auch auf Pferdefuhrwerken oder Fahrrädern. Am 24. März, dem Samstag vor Palmsonntag, durchzieht auch ein Zug von ca. 5.000 KZ-Häftlingen die Stadt, der Erschöpfung nahe, aber von brutal prügelnden Kapos immer wieder angetrieben. An diesem Tag findet an der Oberschule noch einmal eine Allgemeine Lehrerkonferenz statt. Das Protokoll hält dazu u.a. fest: "Der Direktor bespricht Fragen des Unterrichts, Stundenplans und der Ersatzschulräume. Alle Schüler sind nochmals eindringlich zu belehren, daß sie bei Abgang von der Schule sämtliche Schulbücher ... abzugeben haben." Ob die Schüler dieser Aufforderung nachgekommen sind, ist nicht klar und insgesamt eher zweifelhaft, da das gesamte Verkehrsnetz Südoldenburgs in den folgenden Tagen zusammenbrach und unablässiger Tieffliegerbeschuß auch die Benutzung von Fahrrädern und Fußmärsche zum Schulbesuch unmöglich machte. Am 5. April wird auch das im Schulgebäude untergebrachte Marinelazarett wieder aus der Stadt abgezogen; wegen des zunehmenden Fliegerbeschusses im Bereich der nahegelegenen Bahnanlagen erschien eine Evakuierung der Verwundeten unerläßlich.
Am Freitag, dem 13. April, war es dann endlich so weit, daß die letzten kämpfenden Einheiten aus Cloppenburg zurückgezogen wurden. Bis zum nächsten Morgen waren den deutschen Truppen überall in der Stadt alliierte Einheiten nachgerückt, die bis zu diesem Zeitpunkt auch das Schulgelände in der Bahnhofstraße besetzt haben dürften, wo sie dann ebenfalls ein Lazarett einrichteten.


